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Valencianische Trachten: Geschichte, Tradition und Identität

Indumentaria valenciana

Wenn man an Valencia denkt, kommen einem schnell bestimmte Bilder in den Sinn: die Fallas, Musik, Feuerwerk, Blumen, Paella – und natürlich die beeindruckenden Seidenkleider, die während der Festtage überall in der Stadt zu sehen sind.

Doch ist die valencianische Tracht eigentlich dasselbe wie das Fallerakleid?

Nein. Auch wenn beide eng miteinander verbunden sind und verschiedene gemeinsame Elemente besitzen, stammen sie aus unterschiedlichen historischen Zusammenhängen. Gerade für Besucher, die Valencia zum ersten Mal während der Fallas erleben, ist dieser Unterschied nicht immer leicht zu erkennen.

Dabei erzählt die valencianische Kleidung viel mehr als nur etwas über Mode. Stoffe, Frisuren, Schmuck und Schnitte spiegeln die Geschichte der Stadt, ihre Seidenindustrie und gesellschaftliche Traditionen wider.

Wer die valencianische Tracht versteht, entdeckt deshalb einen weiteren Teil der valencianischen Kultur.

Valencia und die große Zeit der Seide

Um die valencianische Tracht zu verstehen, lohnt sich eine Reise zurück ins 18. Jahrhundert.

Für Valencia war diese Zeit von großer wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Bedeutung. Vor allem die Seidenindustrie spielte eine wichtige Rolle. Rund um die Herstellung und Verarbeitung von Seide entwickelten sich zahlreiche Handwerke und Berufe.

Valencianische Seide wurde zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor und prägte das Leben der Stadt.

Wenn heute historische valencianische Trachten rekonstruiert werden, geht es deshalb nicht einfach darum, ein besonders schönes Kleid zu tragen. Es geht auch darum, an eine Epoche zu erinnern, die für die Entwicklung Valencias von großer Bedeutung war.

Die sogenannte valencianische Tracht des 18. Jahrhunderts versucht, die damalige Kleidung möglichst genau wiederzugeben.

Die valencianische Tracht des 18. Jahrhunderts

Die Kleidung valencianischer Frauen im 18. Jahrhundert unterschied sich deutlich von dem Bild, das wir heute mit einer Fallerin verbinden.

Zu den charakteristischen Kleidungsstücken gehörte das Justillo, ein eng anliegendes, festes Oberteil. Es konnte mit verschiedenen Materialien versteift werden, beispielsweise mit Esparto oder sogar mit Zweigen des Olivenbaums. Dadurch erhielt der Oberkörper die typische Silhouette der damaligen Zeit.

Die Ärmel waren relativ schmal und reichten meist bis zum Ellbogen. Ein Tuch bedeckte den Ausschnitt. Dazu kam ein weiter Rock, dessen Vorderseite teilweise von einer Schürze bedeckt wurde. Darunter konnten die Knöchel und die Schuhe sichtbar bleiben.

Auch der Schmuck spielte eine wichtige Rolle. Zu den traditionellen Schmuckstücken gehörten beispielsweise Aderezos de espejuelos, die unter anderem in Weiß oder Grün ausgeführt sein konnten.

Besonders interessant ist die Frisur.

Im Gegensatz zur heutigen Fallerin trug man damals bei bestimmten historischen Modellen einen einzigen Haarknoten, dazu eine einzelne Peineta, den traditionellen Haarkamm.

Natürlich gab es nicht nur ein einziges Modell. Kleidung veränderte sich auch damals je nach Zeit, gesellschaftlicher Stellung und Anlass.

Eine Variante ließ beispielsweise die Leinenärmel des darunter getragenen Hemdes zwischen den Trägern des versteiften Justillo sichtbar werden. Möglicherweise war diese leichtere Form besonders für die wärmeren Monate geeignet.

Mit dem Übergang zum Ende des 18. und Beginn des 19. Jahrhunderts veränderten sich auch die Frisuren. Seitlich über den Ohren kamen beispielsweise charakteristische Wellen hinzu.

Wie überall auf der Welt blieb auch die valencianische Kleidung nicht stehen. Mode verändert sich – auch wenn sie später als Tradition weiterlebt.

Und was ist dann das Fallerakleid?

Hier entsteht häufig die größte Verwirrung.

Das Fallerakleid ist keine exakte Nachbildung der Kleidung valencianischer Frauen aus dem 18. Jahrhundert.

Seine Ursprünge sind deutlich jünger und stehen im Zusammenhang mit der Entwicklung der valencianischen Feste und insbesondere mit dem Wunsch, eine repräsentative Kleidung für die Stadt und ihre Feierlichkeiten zu schaffen.

Ein wichtiger früher Bezugspunkt ist das Jahr 1895. Damals trug die erste Regina dels Jocs Florals eine Kleidung, die bereits Elemente aufgriff, die mit dem traditionellen valencianischen Erscheinungsbild verbunden wurden.

Dabei handelte es sich jedoch nicht um die Kleidung, die valencianische Frauen zu jener Zeit im Alltag getragen hatten. Vielmehr entstand ein festliches und repräsentatives Erscheinungsbild, das von der Mode des späten 19. Jahrhunderts beeinflusst war und gleichzeitig einige historische Bezüge aufgriff.

Im Laufe der Jahrzehnte entwickelte sich daraus das Fallerakleid, das wir heute vor allem mit den Falleras Mayores und den Fallas verbinden.

Mode, Tradition und Veränderung

Der entscheidende Unterschied liegt genau darin.

Die historische valencianische Tracht versucht, die Kleidung einer bestimmten Epoche möglichst authentisch wiederzugeben. Das Fallerakleid hingegen hat sich im Laufe der Zeit weiterentwickelt und dabei verschiedene Moden aufgenommen.

Das lässt sich an vielen Einzelheiten erkennen.

Die Leinenärmel bestimmter historischer Modelle wurden beispielsweise durch Seidenärmel ersetzt und in das Jubón, das Oberteil des Kleides, integriert. Auch die Konstruktion des Oberteils veränderte sich.

Die Röcke wurden zunehmend aus demselben Stoff wie das Oberteil gefertigt. Daraus entstand das Konzept „a conjunt“, also ein aufeinander abgestimmtes Ensemble.

Auch der Schmuck entwickelte sich weiter. Perlen und die charakteristischen Schmuckformen, die an kleine Trauben erinnern, wurden zu typischen Elementen.

Und dann ist da natürlich die Frisur.

Während bei bestimmten historischen Modellen des 18. Jahrhunderts ein einzelner Haarknoten getragen wurde, ist die Fallerin heute vor allem für die charakteristische T-förmige Scheitelung und drei Haarknoten bekannt – zwei seitlich und einer hinten. Dazu kommen die traditionellen Peinetas.

Das Fallerakleid ist also keine eingefrorene Darstellung der Vergangenheit. Es ist vielmehr ein Kleid, das sich gemeinsam mit der valencianischen Festkultur weiterentwickelt hat.

„A l'antiga“ – zurück zu den historischen Wurzeln

In den vergangenen Jahren ist das Interesse an der sogenannten Indumentaria „a l'antiga“ deutlich gestiegen.

Dabei geht es darum, historische valencianische Kleidung möglichst originalgetreu wieder aufzugreifen.

Das ist weit mehr als eine Modeerscheinung.

Wer sich „a l'antiga“ kleidet, beschäftigt sich mit einer bestimmten historischen Epoche, mit den damaligen Stoffen und Schnitten, mit Frisuren und Schmuck und mit der Art und Weise, wie die einzelnen Kleidungsstücke hergestellt wurden.

Hinter einer historisch gut dokumentierten Tracht steckt deshalb oft viel Recherche und handwerkliches Wissen.

Für Besucher ist der Unterschied vielleicht auf den ersten Blick kaum zu erkennen. Für Fachleute und Liebhaber der valencianischen Trachtenwelt können dagegen schon kleine Details entscheidend sein.

Viel mehr als ein Kleid

Die valencianische Kleidung besitzt auch eine starke soziale Bedeutung.

Während der Fallas, bei Patronatsfesten und anderen traditionellen Feierlichkeiten wird die Tracht zu einem sichtbaren Zeichen der Teilnahme an der Gemeinschaft.

In vielen Familien werden Kleidungsstücke und Schmuck von einer Generation an die nächste weitergegeben. Gleichzeitig halten spezialisierte Handwerker traditionelle Kenntnisse rund um Seide, Stoffe, Schneiderei, Schmuck und Frisuren lebendig.

Für manche Valencianerinnen ist das Tragen der traditionellen Kleidung deshalb eng mit der eigenen Familiengeschichte verbunden.

Für andere ist es eine Möglichkeit, die valencianische Kultur bewusst zu leben und weiterzugeben.

Und für Besucher aus dem Ausland bietet die Kleidung einen besonders faszinierenden Einblick in die lokale Kultur.

Valencianische Tracht als touristische Attraktion

Während der Fallas verändert sich das Stadtbild von Valencia. Plötzlich scheint die ganze Stadt Seide zu tragen.

Auf den Straßen begegnet man Frauen und Mädchen in aufwendig gearbeiteten Kleidern, mit farbenprächtigen Stoffen, Stickereien, Schmuck und großen Peinetas.

Für einen Besucher aus Deutschland, der dieses Bild zum ersten Mal sieht, ist das durchaus beeindruckend – aber manchmal auch etwas verwirrend.

Ist das ein historisches Kleid?

Ist es ein Festkleid?

Warum haben manche Frauen andere Ärmel?

Warum gibt es unterschiedliche Frisuren?

Und warum tragen manche nur einen, andere aber drei Haarknoten?

Wer die Geschichte der valencianischen Kleidung kennt, kann diese Unterschiede besser verstehen und die Fallas noch intensiver erleben.

Denn hinter jedem Kleid steckt ein kleines Stück Valencia.

Ein lebendiges Kulturerbe

Vielleicht ist gerade das der interessanteste Aspekt der valencianischen Tracht: Sie gehört nicht nur der Vergangenheit.

Die Tradition lebt weiter.

Es gibt Handwerker, Schneiderinnen, Schmuckhersteller, Spezialisten für traditionelle Frisuren und Stoffexperten, die altes Wissen bewahren und weiterentwickeln.

Gleichzeitig beschäftigen sich Historiker und Forscher mit alten Dokumenten, Gemälden, Fotografien und erhaltenen Kleidungsstücken, um herauszufinden, wie die Valencianerinnen und Valencianer früher tatsächlich gekleidet waren.

So existieren heute nebeneinander die möglichst genaue Rekonstruktion historischer Kleidung und die sich weiterentwickelnde Festkleidung der Fallas.

Beides gehört zur valencianischen Kultur – aber es sollte nicht miteinander verwechselt werden.

Valencia trägt Geschichte

Wenn Sie bei Ihrem nächsten Besuch in Valencia einer Frau in einem prächtigen Seidenkleid, mit Peinetas und traditionellem Schmuck begegnen, lohnt sich ein genauerer Blick.

Vielleicht handelt es sich um eine möglichst authentische Rekonstruktion einer Tracht des 18. Jahrhunderts. Vielleicht sehen Sie ein Fallerakleid, das Elemente verschiedener Epochen miteinander verbindet. Oder vielleicht trägt die Frau ein Kleid, das seit Generationen Teil ihrer Familie ist.

In jedem Fall sehen Sie mehr als nur ein schönes Kleid.

Sie sehen ein Stück valencianische Geschichte, die Erinnerung an die große Zeit der Seide, die Tradition der Feste und ein kulturelles Erbe, das bis heute von einer Generation an die nächste weitergegeben wird.

Denn Valencia kann man nicht nur über seine Gebäude, seine Küche oder seine Feste kennenlernen.

Manchmal muss man einfach darauf achten, wie sich die Stadt kleidet.

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